Sternenschnee

Kim Carrey:

Sternenschnee (166)

Esoterische Studien einer Autobiographie

Lichtdienste (28.D) Verzicht



Tatsächlich erwarte ich in einem rituellen Dienst ein fundiertes, moderates Milieu – wie dies für eine Mysterienstätte angemessen ist, wo solche exzentrischen Auswüchse gar nicht zu existieren haben. Es war dann noch ein männlicher Teilnehmer dort, der für die zwei Stunden der >Lichtdienste< einen Körpergeruch ausstrahlte, als ob er gerade aus dem Schweinestall käme, worauf er natürlich niemals angesprochen wurde.


Es wird bei diesem Mann dafür verschiedene – eventuell auch krankhafte Gründe gegeben haben, die einem auch leid tun können, die aber trotzdem in solch einem Rahmen nicht tragbar sind. Dabei ist bei den Regeln für die Besucher der >Lichtdienste< extra aufgeführt: „Vermeide auch zu aufdringliche Parfüms sowie vorherige Mahlzeiten mit Zwiebeln oder Knoblauch“, was eben sehr sinnvolle Hinweise sind. Man möge mir glauben: Der Geruch des Schweinestalls war schlimmer als die aufgeführten Dinge.


Ich habe solch einen Zustand des extrem unangenehmen Körpergeruches auch schon einmal bei einem Kollegen erlebt, wo wir anderen Kolleg/Innen dann auch mit diesem Mann gesprochen haben. Bei diesem Kollegen wurde dann deutlich, dass er zwar wohl jeden Tag duschte, dass er aber an mindestens fünf Tagen der Woche immer wieder dieselbe Kleidung anzog, was natürlich nicht tragbar ist, wenn ein Mensch unter starkem Körpergeruch leidet. Man muss dann eben jeden Tag vollständig frisch gewaschene Kleidung anziehen.


Natürlich kann auch hier eine bestimmte geistige Position eingenommen werden, die letztlich eine Abtötung des Naturmenschen zu bedeuten hätte, wo man praktisch keinerlei Wahrnehmungen mehr für diese Aspekte der physischen Sinnesqualitäten hat, was vermutlich bei der Leiterin der Fall war. Ich weiß, dass sich christliche Mystiker in dieser Richtung versucht haben abzutöten und auch von indischen Yogis ist dies bekannt. Der Avatar Ramana Maharshi1 hat z.B. eine zeitlang sich absolut nicht um sein Äußeres gekümmert und ist praktisch verwahrlost, bis sich Jünger seiner angenommen haben2.


Franz von Assisi3, bei dem die Liebe zum Schönen ein Hauptwesenszug war, zwang sich dazu, Aussätzige zu besuchen, ihnen zu dienen und sie sogar zu küssen, während ihm vorher vor deren Anblick und Geruch geekelt hatte. Auch überwand er sich, Abfälle zu essen, als er ein Bettler geworden war – und es soll ihm dann (nach einiger Zeit der Gewöhnung) so erschienen sein, als hätte der feinste Honig ihm nie so köstlich geschmeckt4.


Ziel einer solchen Selbstzucht und Läuterung ist die Freiheit von den Fesseln der Sinne, von den „Hemmungen der Begierde“, von den Folgen der Umgebung und der weltlichen Erziehung, von Stolz und Vorurteilen, Neigungen und Abneigungen, von Selbstigkeit in jeder Form5.


So wird bei UNDERHILL auch von der heiligen Katharina von Genua6 und von Madame Guyon7 geschildert, dass sie sich über verschiedene Handlungen von allem Ekel zu heilen versuchten und die Freiheit des Geistes darüber erlangen wollten. Wie zahllose andere Heilige8 und Mystiker suchten sie „die Kranken und Unreinen auf und dienten ihnen mit Demut und Liebe, scheuten nichts, um sich dem Leben in seiner niedrigsten Form zuzugesellen, zwangen sich zur Berührung der ekelhaftesten Dinge und versuchten, das Oberflächenbewusstsein zu unterdrücken durch das herkömmliche asketische Mittel: allen, selbst den natürlichsten und harmlosesten Neigungen konsequent entgegenzuhandeln“9.


Ich gestehe, dass ich von einem solchen Stand der Läuterung meilenweit entfernt bin, und deshalb eher gehofft hätte, dass man bei dem Zentrum der >Lichtdienste< über gewisse menschliche Problembereiche per genereller Ansage oder in (geheimen) Einzelkontakten gesprochen hätte, was jedoch nicht geschehen ist. Tatsächlich gehört dazu von einer Leitung her auch eine Kunst der Menschenführung, über die nur sehr wenige Menschen verfügen (womit ich auch nicht sagen will, dass ich dies absolut optimal beherrschen würde, auch wenn ich aus beruflichen Gründen schon in solcher Position war).


Dies wäre jedoch unumgänglich: denn auf dem heutigen Evolutionsstand benötigen die Menschen noch eine hierarchische Führung, was eben in ferner Zukunft einmal anders sein wird, wenn die Menschen nahezu vollkommen sein werden. Jetzt jedoch sind wir noch weit davon entfernt, dass jeder sich selbst adäquat in einer Gemeinschaft verhält. Im weltlichen Bereich (z.B. bei Arbeitsstellen) ist dies genauso der Fall. Sonst gäbe es kein Mobbing10, welches mit das entsetzlichste ist, mit dem ein Mensch konfrontiert sein kann (siehe dazu meine eigenen Erlebnisse im Kapitel Nr. 12 >Schwarzer Magier<).


Ich habe mir dann vorgestellt, welch ein Chaos entstehen wird, wenn die Leiterin, die - wie gesagt - schon eine recht alte Dame ist, einmal die Führung wird abgeben müssen, was nur noch wenige Jahre dauern wird. Ich schrieb in mein Tagebuch: „Das Bild steht mit Grauen vor mir, wer dann die Leitung haben wird“.


Da ich keine Möglichkeit sah, meine Abneigung zu thematisieren, ich aber mit den Missständen absolut nicht leben konnte, musste ich verzichten, wie dies bei mir häufig der Fall ist. Wer will oder es darauf abgesehen hätte, der könnte mich von überall vertreiben. Dass ich würde gehen müssen, kündigte sich für mich bereits in einem Traum vom 04.Mrz.2004 an (den ich hier nicht näher ausgeführt habe), wo sich mir die Missstände und mein Empfinden dazu niedergeschlagen hatten.


Am 18. Mai 2004 muss der Leiterin dann bewusst geworden sein, dass ich nicht mehr kommen würde; denn ich war eine total regelmäßige Teilnehmerin (ich darf ehrlicherweise sagen, dass ich überhaupt die regelmäßigste Teilnehmerin von allen war – einschließlich der Leiterin, die allerdings wegen auswärtiger Verpflichtungen nicht immer da sein konnte), die immer da war. In einem Traum vollzog die Leiterin okkulte Handlungen an mir, u.a. küsste sie mich auf die Nase (oder die Stirn, das weiß ich nicht mehr). Und dann wurde mir noch etwas prophezeit, was ich sofort schon nicht mehr wusste.


Dass es okkulte Handlungen waren, die sie vollzog, wusste ich aus der gleichartigen Erfahrung durch einen Meister, der im Zusammenhang mit meinem Weggang von der >Spirituellen Gemeinschaft< im Traum zum ZP 46 auftrat, wie es dort im Kap. 27-i geschildert ist. Es war auch hier wieder ein Versiegeln meines geistigen Standes, den ich bis dahin errungen hatte.


Am 25. Mai 2004 wurde mir dann in einem Traum gezeigt, dass die Leiterin überhaupt nicht erkannte, weshalb ich nicht mehr gekommen war, was, wenn dies der Realität entsprochen haben sollte, ich unbegreiflich fände. Denn tatsächlich ist es so, dass ich bereits von meinem geringfügigen geistigen Stand her meist innerlich Aufschluss erhalte, weshalb ein Mensch (speziell mir gegenüber, aber auch sonst) so oder so gehandelt hat, also ich seine Motivation erkenne.


Ich habe dann wochenlang sehr mit mir gerungen, und seitenlang Darlegungen gemacht, die ich eventuell in einem Brief an die Leiterin schicken wollte. Aus Gründen, dass es im spirituellen Bereich verpönt ist, Kritik zu üben und ein Geistesschüler (oder Jünger) letztlich alles auf sich rückbeziehen muss11, habe ich jedoch diesen Brief nie abgeschickt, obwohl ich ihn bis heute für fundamental berechtigt halte und es sich eben um wirkliche Missstände handelte. Ich habe auch verschiedene Individualitäten der geistigen Hierarchie angerufen, wie den Meister Morya und den Maha Chohan.


Dass keine Kritik geübt werden soll, relativiert der TIBETER allerdings mit folgenden Worten an anderer Stelle: „Allerdings gibt es Zeiten, wo man reden soll. Wenn z.B. der Gruppe durch weise Rede geholfen werden kann, durch eine Andeutung über gute oder schlechte Zustände; einem Bruder durch ein wohl seltenes, aber doch nötiges Wort der Ermahnung in Bezug auf das innere Leben; oder dem Oberen oder einer Gruppe von Beamteten in solchen Fällen, wo ein Bruder der Gruppe durch Irrtum dieser oder jener Art zum Hindernis wird oder ihr besser zu dienen vermöchte, wenn ihm eine andersartige Beschäftigung gegeben würde“12.


Missstände wie bei den >Lichtdiensten< – nur inhaltlich völlig anders – habe ich auch in der >Spirituellen Gemeinschaft< wahrgenommen, die sonst – auch nach irdischen Maßstäben – ein sehr hohes Niveau hatte. Überall gibt es jedoch auch bei den höheren und höchsten spirituellen Personen blinde Flecken, bei Rahmenbedingungen usw.


Es ist letztlich doch immer nicht alles mit dem Geist durchdrungen – das, was gerade nach STEINER die entscheidende Aufgabe der Menschen der Europäischen Kulturepoche13 ist: Es muss alles bis ins Letzte und bis ins Detail vom Geist durchzogen werden. Der Geist muss allem Irdischen eingepflanzt werden; alles muss mit Geist „imprägniert“ werden, wie STEINER dies ausdrückt. Der Geist muss in jeder Handbewegung; in jeder Fingerbewegung zum Ausdruck kommen, in den allertäglichsten Handlungen14. Auch genau so, wie es die Zeilen von R.M. RILKE zum Ausdruck bringen in dem Gedicht „Nicht Geist, nicht Inbrunst sollen wir entbehren ...“ (siehe Kap. 51-H >Sonderaufstieg<).


Am 15. Juni 2004 (als ich schon nicht mehr zu den >Lichtdiensten< hinging) hatte ich einen Traum, wo ich in der ehemaligen Wohnung meiner bereits lange verstorbenen Großmutter war. Ich lebte dort allein. Dann stand ich am Fenster und hörte innerlich ganz deutlich ein bestimmtes Lied über den Meister Morya, welches wir immer bei den >Lichtdiensten< gesungen hatten. Es hatte nach meinem Geschmack eine sehr getragene Melodie. Dies hörte ich auch genauso im Traum. Es war wunderschön. Ich wurde vor Sehnsucht ganz traurig und weinte eventuell sogar.


Dass es sich um die Wohnung meiner Großmutter handelte, hatte ganz sicher eine bestimmte mystische Bedeutung in dem Sinne, dass eine Großmutter das Ahnenbewusstsein symbolisiert, das uralte Geistbewusstsein, welches in den Seelengründen schlummert und welches Träger der Erinnerung an die heiligen Ursprünge des Menschengeschlechts ist15.

Bei WEINFURTER wird zur Symbolbedeutung eines alten „Weibes“ ergänzt, dass dieses für die weibliche Gottheit steht, auch für die göttliche Seele (Buddhi) und auch für Weisheit16.


Obwohl ich auf der physischen Eben nicht bezüglich der Missstände aktiv geworden bin, hat man mir von geistiger Seite doch wieder weiter geholfen, wofür ich unendlich dankbar bin; denn meine Verzweiflung war sehr groß, so groß, wie ich es nie gedacht hätte.


Dabei muss man jedoch wissen, dass es sich bei den >Lichtdiensten< absolut nicht um eine Sekte handelte, weil der Grad der Freiheit vollkommen war. Man hatte keinerlei Verpflichtungen. Der Grad der Freiheit war wesentlich größer als bei der >Spirituellen Gemeinschaft<, wo es doch sozusagen „freiwillige“ Verpflichtungen gab. Vielleicht hing ich gerade wegen der so großen Freiheit wesentlich mehr an den >Lichtdiensten< als an der >Spirituellen Gemeinschaft<; denn ich bin ein Mensch, der wirklich etwas aus Freiheit tut und in der Lage ist, sich vollkommen selbst zu verpflichten.


Die Hilfe von geistiger Seite aus bestand zunächst darin, dass ich zu einer kleinen Berliner Gruppierung und der Literatur der >Prophetin Gabriele< ungefähr im Mai 2004 geführt wurde, wie es in dem späteren betreffenden Kapitel Nr. 47 dargestellt ist. Von der Chronologie her hätte das betreffende Kapitel hier als nächstes geschrieben worden sein müssen. Jedoch habe ich mich wohl überhaupt erst später entschlossen, über die >Prophetin Gabriele< hier ausdrücklich zu berichten.


Denn wiederum fünf Monate später, nachdem ich zu der >Prophetin Gabriele< gelangt war, hatte ich im September 2004 zu der >Avatarin< Mutter Meera gefunden, wo ich dann im Laufe der nächsten Jahre einige Male an deren „Darshans“ teilnahm.

In der Chronologie der Kapitel fehlen also zunächst die Darlegungen über die >Prophetin Gabriele< und es folgt auf das Kapitel Nr. 28 über die >Lichtdienste< erst das Kapitel Nr. 29 über die >Avatarin< Mutter Meera.


Ende des Kapitels Nr. 28 >Lichtdienste<.


1 Ramana Maharshi: FN bei 40-A >Meditation<.

2 ZIMMER/Der Weg zum Selbst – Leben und Lehre des Shri Ramana Maharshi.

3 Franz von Assisi: FN bei 24-F >Ashram<.

4 UNDERHILL/S.294

5 UNDERHILL/S.294f.

6 Katharina von Genua: 1447-1510. UNDERHILL (S.609) bezeichnet diese italienische Heilige als ein geistliches Genie ersten Ranges, die eine schöpferische Mystikerin als auch eine tiefe Denkerin sowie auch eine Ekstatikerin war; außerdem eine originale Lehrerin, eine rührige und praktische Philanthropin. Sie steht in ihrer Zeit allein da als ein Beispiel gesunden und kräftigen mystischen Lebens. Zeitgenossinnen von ihr bezeichnet UNDERHILL eher als Visionärinnen.

7 Madame Guyon: siehe Text im Kapitel 19-C >Kreuzigung und Gehenkter< und Traum vom 26.10.2005 in Kap. 15-K >Kosmische Phänomene<.

8 Heilige: FN bei 24-D >Ashram<.

9 UNDERHILL/S.295

10 Mobbing (engl.): andauernde feindselige Handlungen, vor allem gegenüber Kollegen am Arbeitsplatz (Meyers Taschenlexikon/S.449).

11 Vom TIBETER (Initiation/S.214) wird z.B. ausgesagt, dass der Geistesschüler seine eigene Persönlichkeit in Zucht halten und nicht seine Brüder korrigieren soll. An anderer Stelle legt der TIBETER (Okkulte Meditation/S.131) jedoch wiederum dar, dass sich der Schüler nicht blind einer Gruppenmeinung hingeben soll, worüber sich bereits Darlegungen im Kapitel Nr. 27 >Spirituelle Gemeinschaft< befinden, wo ich die genaue Stelle jetzt nicht wiederfinde.

12 TIBETER/Initiation/S.210

13 Die Europäische Kulturepoche begann mit dem 15. Jahrhundert nach Chr. (konkret 1413 nach Chr.), hat sich aber bereits seit dem 4. Jahrhundert nach Chr. vorbereitet gehabt (das Ende wird für das Jahr 3.573 nach Chr. ausgesagt). An anderer Stelle spricht STEINER (GA93a/S.229) bei der Europäischen Kulturepoche auch von der Germanischen Unterrasse.

14 STEINER/GA174b/S.37f.

15 Nach Notizen der Verf. / Original-Literatur nicht mehr bekannt. Ähnliche Aussagen existieren jedoch von LENZ/S.263.

16 WEINFURTER/Mystische Fibel/S.82