Sternenschnee

 

Kim Carrey:

Sternenschnee (203)

Esoterische Studien einer Autobiographie

Eifersucht (37.D) Aufwacherlebnis

 

 

Nun werden die meisten Menschen es ganz normal finden, dass sich ein Mann (oder eine Frau) eine neue Lebensgefährtin (bzw. –gefährten) sucht. Es ist auch normal in Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Menschen (auch Liebespaare und Ehepaare) eine rein äußerliche Beziehung zueinander behalten. Eine Ehe ist eben definitionsgemäß „nur“ eine Lebensgemeinschaft und muss mit „großer Liebe“ gar nichts zu tun haben. So dringen die meisten Paare auch gar nicht tiefer zueinander und verschließen sich dem Blick des anderen.

 

„Nur schwer können sie den zweiten Schritt vollziehen, der ´das Opfer` genannt werden kann. Diese Menschen würden weiterkommen, wenn sie sich gegenseitig ganz öffnen könnten. Wenn nun jeder Mitwirkende auf dem Altar der Begegnung sein Eigenes geopfert hat, geschieht etwas Wichtiges. Durch dieses Opfer kommt er zu dem wahren Bild des anderen[1]. Er überwindet die äußere Seite des Physischen, die Naturseite, die er bei der ersten Stufe mit Interesse kennengelernt hat“[2].

 

Das, was in den meisten Ehen als normal gilt, ist jedoch als Anschauung vollkommen unangemessen, wenn es um die große „wahre“ Liebe geht, wo eben nicht jede x-beliebige Frau (oder jeder x-beliebige Mann) genommen werden dürfte. Eine Austauschbarkeit des Objektes bedeutet da eben ein „Verderben der Liebe“.

 

Ich habe immer empfunden, dass ich in der Liebesgebundenheit an einen Partner automatisch einem konkurrenzmäßigen Vergleich mit anderen Frauen durch „meinen“ Mann (bzw. Lebensgefährten) ausgesetzt war - einem Vergleich, der mir immer zuwider war. Der Grund meines Missfallens an diesem Vergleich war einmal, weil ich prinzipiell als individualisierter Mensch von mir aus zu allen Frauen ein gutes Verhältnis im Sinne einer allgemeinmenschlichen und schwesterlichen Verbundenheit habe, so wie auch meine leibliche Schwester ab dem jugendlichen Alter zugleich eine gute Freundin war und meine Freundinnen und alle Frauen waren für mich ebenfalls wie Schwestern.

 

Zum anderen basierte mein Missfallen an einem Vergleich auf einer Anschauung, die ich immer schon hatte, die aber von KÜHLEWIND hervorragend in Worte gefasst ist: „Jeder Vergleich mit dem Anderen ist die Gebärde der Lüge, der Böswilligkeit, denn der Andere ist eine andere Welt, eine andere Gattung, hat andere Schwierigkeiten mit seinen … Dämonen: Das Vergleichen hat keinen Anhaltspunkt, kein notwendiges gemeinsames Maß“[3]; denn jeder muss schließlich seine eigenen >Dämonen< (Kap. Nr. 11) bekämpfen, um sie aufzulösen und zu erlösen.

 

So wie ich das Vorstehende immer bezüglich der >Eifersucht< in der Liebe gesehen habe, so gilt dies m.E. auch für Konkurrenz, die in unserer materialistischen Gesellschaft permanent propagiert wird; es gilt ebenso für Neid, was es alles bei einer spirituellen Haltung gar nicht geben würde.

Durch meine Liebesgebundenheit an einen Partner sah ich mich aber immer in eine Position gedrängt, in der ich neidisch und eifersüchtig gegenüber anderen Frauen war, was überhaupt nicht meiner echten menschlichen Haltung entsprach, so dass ich mich durch eine Liebesbeziehung immer von meinem wahren Wesen allein durch die >Eifersucht< entfremdet gefühlt habe.

 

Bei LORBER gibt der HERR >Jesus, der Christus Gottes< (Kap. Nr. 44) den Rat an Seine Kinder, dass diese sich an nichts anlehnen sollen und nichts berühren sollen, was der eigenen Freiheit hinderlich werden kann. Denn die Menschen sollen sich völlig frei fühlen, wie Er sich frei fühlt[4].

Tatsächlich habe ich mich ab einem gewissen Zeitpunkt fortgesetzt immer mehr in der Beziehung mit meiner großen Liebe gefangen gefühlt und meinen Partner als meinen Kerkermeister gesehen. Und dies nicht etwa, weil er mich äußerlich eingeengt hätte, was er nicht getan hat, sondern durch die Gefühlsgebundenheit, die ich zu ihm empfand. Dabei ist es ihm wohl ähnlich mit mir ergangen.

 

Ich weiß noch wie heute, dass ich häufig ganz starkes Herzklopfen hatte, wenn ich es wagte, mich schrittweise durch Äußerungen oder Handlungen meinem Partner gegenüber aus der „Liebes“-Bindung zu lösen und mich in verschiedener Weise gegen ihn zu stellen. Dabei missdeutete ich anfänglich dieses Herzpochen so, als ob ich immer einen Fehler beging. Bis ich mich zu der Erkenntnis durchrang, dass die konditionierten psychischen und physiologischen Aspekte meines Naturmenschen Angst hatten, die Macht über mich zu verlieren.

 

Diesen Natur-Aspekten wollte ich schließlich auch keinen Raum mehr gewähren, was allerdings jahrelang gedauert hat, bis ich dies schaffte. Stattdessen wollte ich meinem Höheren Selbst folgen, dessen innere Stimme jedoch im Verhältnis zum Naturmenschen zunächst nur zaghaft und leise erklang.

Bei HILARION wird nun auch der Mensch beglückwünscht, der es geschafft hat, sich aus einer unfreien Bindung zu lösen mit den Worten: „Heil Dir, Flammendes Herz! … Aus der Enge der Zweiheit bist Du hinausgeschritten in die Freiheit der Weite, da Dein Ich zum Selbst ward, in Gott erlöst, in Gott befreit“[5].

 

Nach JAN van RIJCKENBORGH bedeutet Ehebruch in einem geistigen Sinne allerdings etwas ganz anderes als das sog. „Fremdgehen“ nach weltlicher Bedeutung[6]. Eigenartigerweise soll gerade derjenige Ehebruch begehen, welcher sich seinem begrenzten (drittdimensionalen) Seinszustand forciert entziehen will. In dem Wesen eines jeden Menschen ist eben ein weltweites Verlangen nach Vollständigkeit, und den geistigen Ehebruch begeht gerade derjenige Mensch, der dem Drängen seines göttlichen Uratoms (welches in ihm brennt) nachgeht, wenn er den Mann (oder die Frau) als Lebenspartner abweist.

 

Und es soll hier ganz egal sein, aus welchem Grund jemand sozusagen der „Ehelosigkeit“ folgt, ob er dazu geadelt ist oder aus welchen Gründen auch immer: Denn die Neigung jedes Menschen geht doch immer zu dem Weiblichen oder Männlichen hin, ob sich dies in Verhaltensweisen, Berufen oder Wesensstrukturen äußert. Gleichzeitig sagt JAN van RIJCKENBORGH jedoch, dass der Mensch nicht dem anderen (geschlechtlichen) Menschen nachjagen soll, sondern er stattdessen aus sich selbst einen Anderen machen muss.

Seine Stellungnahme ist hier m.E. nicht ganz gradlinig.

 

Für mich ist die zunächst geäußerte Anschauung von JAN van RIJCKENBORGH etwas unverständlich. M.E. begeht gerade jeder normale Mensch Untreue dem eigenen Höheren Selbst gegenüber, wenn er sich durch ausschließende Liebe nur einem Partner widmet. Dies ist jedoch bei einem noch nicht spirituellen Menschen nicht vergleichbar schlimm, wie dies m.E. bei einem spirituellen Menschen der Fall ist. Da ich mich zu den letzteren zähle, interpretiere ich auch meine >Eifersucht< als etwas, was gerade deshalb so schlimm war, weil ich meinem bereits erweckten Höheren Selbst gegenüber durch die ausschließende Liebe zu einem Mann untreu geworden bin. Mein Naturmensch hat meinen geistigen Menschen mit einem anderen Naturmenschen betrogen.

 

Etwas ähnliches, wie ich dies meine, ist von MEYER thematisiert, der von einem kosmischen Ehebruch spricht. Dieser ist zustande gekommen dadurch, dass nur ein Teil unseres Menschenwesens in die Verkörperung hat eingehen müssen. Der andere Teil – gleichsam unsere bessere Hälfte – musste von dem Erdenmenschen in den Sonnenhöhen zurückgelassen werden. Dieses wird von dem Menschen üblicherweise durch die Verstrickung in die Erdenbegierde vergessen.

 

„Dies ist der kosmische Ehebruch, den die Erdenmenschheit vollzog. Die Erweckung des übersinnlichen Geistbewussteins ist ein Sich-Wiederfinden in seiner wahren Wesenheit. Alle irdische Verbindung von Mann und Weib kann in ihrer edelsten Gestalt nur ein vergängliches Gleichnis dafür sein: ein Leben in fortwährenden Erweckungsvorgängen, die sich von Mensch zu Mensch abspielen und in denen die Seelen einander ihr Urbild entgegentragen sollten. Andernfalls wird die irdische Liebe immer nur eine ´Verzauberung` bedeuten; der Seelenraum über uns, in dem unser eigenes Urbild erscheinen sollte, wird dann von einem Sinnenbilde ausgefüllt, das alle idealschaffenden Empfindungen der Seele durch Leidenschaft an sich saugt und verzehrt“[7].

 

Denn bei THOMAS von KEMPEN wird über >Jesus, den Christus Gottes< ausgesagt, dass Dieser Seinem Wesen nach als der Geliebte eines gläubigen Menschen keinen anderen neben sich dulden kann. „ER will dein Herz ungeteilt besitzen und es zum selbsteigenen Königsthron haben“[8].

 

Und >Jesus, der Christus Gottes< sagt sogar über Sich Selbst aus: „Wer Mich liebt, der muss Mich ganz lieben! Wenn sich die Meinen irgendeiner Weltbelustigung manchmal mehr freuen denn Meiner Liebe, siehe, das kränkt Mich schon! Denn Ich bin ein Todfeind von aller Weltkoketterie! Glaube es Mir, ganz kleine Seitenblicke von denen, die Ich zu den Meinigen aufgenommen habe, bereiten Mir schon Schmerz![9] Sofern ich mich recht erinnere, steht sogar schon im Alten Testament, dass unser Gott ein eifersüchtiger Gott ist.

 

KÜHLEWIND ordnet die >Eifersucht< zu den Gefühlen (wie auch Neid und Frustration und wie die Formen, die als Komplexe, Archetypen und Symbole bekannt sind), welche allesamt Kristallisierungen des gesamten Gefühlslebens darstellen, indem sie mit Begriffen verbunden werden. Alle diese Gefühle und Komplexe entstehen unter dem Einfluss der herangezogenen Begriffe, aus einem Gefühlsleben, welches dem gespiegelten Bewusstsein des normalen Menschen überhaupt nicht zugänglich ist. Erst das übergestülpte Begriffssystem macht es möglich, dass Menschen diesbezüglich kommunizieren können.

 

Ursprünglich wären Gefühle Wahrnehmungen, für die wir Menschen gar keine entsprechenden Begriffe haben. Sie erscheinen aber als „Wirkungen“, weil der Mensch nicht in der Lage ist, sie wirklich wahrnehmen zu können. Deshalb werden sie vom gespiegelten Bewusstsein, welches das Alltagsbewusstsein aller Menschen ist, an inadäquate Begrifflichkeit gebunden und damit zum Teil herabgedämpft. „Durch wiederholte Fixierung an Begriffe verlieren sie an Kraft und sind mehr und mehr zu handhaben“[10].

 

Denn eigentlich ist der Mensch im Gefühl sehr wenig selbstbestimmend. Die Gefühle „überkommen“, „überfallen“ den Menschen zumeist, „es geschieht etwas mit ihm“. Die Wirklichkeit der Gefühle besteht aus relativ flüssigen, wenig konturierten ineinander übergehenden Gebilden, die ihrem Wesen nach begrifflich nicht zu fassen und auszudrücken sind.

 

„Wir haben keine Begriffe für sie und können auch keine solchen bilden, weil die Gefühls-Erlebnisse eben lebende sind. Vereinfachend könnte man sagen, sie haben mehr Dimensionen als die Begriffe; ihre Lebendigkeit zeigt sich darin, dass sie im allgemeinen in ihrer „Wärme“ und „Kälte“ entscheidenden Einfluss auf unser Leben und Befinden haben. Das gespiegelte Bewusstsein kann auf die Gefühlswelt kaum Einfluss nehmen“[11]. Nur indem sie mit Begriffen verbunden werden, bildet sich eine Vorstellung, die „gefühlsbetont“ ist, wodurch eine gewisse Möglichkeit des bewusstseinsmäßigen Umgangs mit dem Gefühlsleben entsteht.

 

Anders als KÜHLEWIND dies schwerpunktmäßig formuliert (ohne dass beide Darlegungen einen Widerspruch zueinander darstellen müssen), legt STEINER zunächst dar, dass das Gefühl ein Führer zum Wissen sein soll[12]. Dem Gefühl kommt durchaus eine außerordentliche Bedeutung zu, indem nur durch das Gefühl die Logik bewiesen werden kann. Dabei geht es speziell um das untrügliche in der menschlichen Seele befindliche Wahrheitsgefühl. Das Gefühl stellt die Grundlage dar für die Logik. „Das Gefühl muss den Anstoß geben zur Bewahrheitung des Denkens“[13].

Dies spielt nun durchaus eine Rolle bei der Liebe und im weiteren auch bei der >Eifersucht<, wie im folgenden dargelegt werden wird.

 

Ein Gefühl wird nach STEINER „Liebe“ genannt, wenn die menschliche Seele hinstrebt zu irgend etwas Anderem und die Seele dieses Andere mit dem Gefühl umfassen will[14]. Dabei ist es sehr wichtig, dass die Liebe in keinem Augenblick die Aufrechterhaltung des eigenen Ichs vergisst. „Das Ich muss hineinwollen in alles, was Gegenstand seiner Andacht werden soll; und es muss sich aufrechterhalten wollen gegenüber all dem Unbekannten, … gegenüber dem Außenstehenden“[15].

 

Und STEINER legt dar, dass Liebe, die sich nicht an der Grenze zum geliebten Objekt vom Licht des Gedankens und vom Licht des vernünftigen Urteils durchstrahlen lassen will, zu dem wird, was man „Schwärmerei“ nennt. Eine Seele kann immer der Schwärmerei verfallen, wenn das Ich zu stark hinausstürmt in seiner Liebe zum Anderen und nicht den Willen hat zum kräftigen Denken. Solche Schwärmerei ist eine Art seelischen Schlafwandels[16].

 

„Ein Schwärmer ist derjenige, der sein kräftiges Ich in das Unbekannte nicht mitnimmt, der nur mit den untergeordneten Kräften des Ich in das Äußere eindringen will; und ein solcher wird, da er seine ganze Kraft des Ich nicht aus dem Bewusstsein herausströmen lässt, das Unbekannte (den Anderen; Anm.d.Verf.) zu erfassen suchen, wie man das Unbekannte in der Traumwelt erfasst. Wenn die Schwärmerei immer mehr die Seele ergreift, wird sie zu dem, was man einen fortdauernden Traumzustand oder Schlafwandel der Seele nennen kann“[17].

 

Hier setzt die Seele sich dann nicht mehr in ein richtiges (angemessenes) Verhältnis zur Welt und zu anderen Menschen – oder speziell zum geliebten Menschen. Die Seele stürmt zu weit hinaus zum geliebten Menschen, weil sie es scheut, vom Lichte des Denkens diesbezüglich hinreichend Gebrauch zu machen.

 

„Eine solche Seele, ein solches Ich, das zum seelischen Schlafwandel übergeht, muss in die Irre gehen, muss wie ein Irrlicht durch die Welt gehen“[18].

Und in einem Fazit zu den vorstehenden Ausführungen nach STEINER kann m.E. die >Eifersucht< betrachtet werden als eine Kraft, mit welcher das Ich um eine Aufrechterhaltung (oder Wiedergewinnung) seiner selbst gegenüber dem Objekt seiner Liebe ringt und kämpft – nachdem es sich vorher in einer Art Schwärmerei (oder Abgötterei, oder übermäßiger Liebe) verloren hatte. Tatsächlich war es so, dass ich mich meiner Liebe zu stark ausgeliefert hatte und ich erst sekundär dann das Ringen um meine eigene Egoität wieder beginnen musste.

 

Von KÜHLEWIND kann zu der Schwärmerei noch ergänzt werden, dass die Kräfte der Hingabe von der Seele in ihrem Ego-Sein dem Körper (oder der Welt) zugewendet dargebracht werden. Von eben denselben Kräften wird das Erkennen oder die Moralität gespeist: sie strömen in die Richtung der Hingabe – an den Körper (oder an die Welt). So sind alle Anstrengungen des gespiegelten Bewusstseins umsonst: aus ihnen wird keine Moralität geboren; denn seine schöpferischen Kräfte sind an den Körper hingegeben – eben deshalb ist es gespiegeltes Bewusstsein[19].

 

Fortsetzung folgt im Teil E zum Kapitel Nr. 37 >Eifersucht<.

 



[1] wahres Bild des Anderen: siehe Kapitel Nr. 21-A ff. >Homo Coelestis<.

[2] FLORIDE/Die Begegnung als Aufwacherlebnis/S.16

[3] KÜHLEWIND/Die Wahrheit tun/S.30

[4] LORBER/Die Haushaltung Gottes/Bd.I/Kap.85/S.281

[5] HILARION/Bd.II/S.216

[6] JAN van RIJCKENBORGH/Das Licht der Welt/S.47-52

[7] MEYER/S.185

[8] von KEMPEN/Nachfolge Christi/S.86

[9] LORBER/Himmelsgaben/Bd.II/S.244,6-7

[10] KÜHLEWIND/Die Diener des Logos/S.59

[11] KÜHLEWIND/Die Diener des Logos/S.59

[12] STEINER/TB603/S.68

[13] STEINER/TB603/S.69

[14] STEINER/TB603/S.69

[15] STEINER/TB603/S.73

[16] STEINER/TB603/S.73

[17] STEINER/TB603/S.73

[18] STEINER/TB603/S.74

[19] KÜHLEWIND/Die Wahrheit tun/S.83